Die sieben Leben des Jost Bürgi

Von seiner Lebensspanne her war Jost Bürgi ein eher bevorzugter Erdenbürger. Geboren am 28. Februar 1552 in Lichtensteig, verpasste er mit seinem Tod am 31. Januar

1532 in seiner Wahlheimat Kassel seinen 80. Geburtstag um gerade einmal 28 Tage. Inmitten des Dreissigjährigen Krieges zählte er damit zu den wenigen Hochbetagten eines als «biblisch» beschriebenen Alters. Und aus Kummer und Schmerz folgte ihm nur wenige Tage nach seiner Beerdigung auf dem Friedhof der reformierten «Freiheitergemeinde» seine zweite Ehefrau Carolina nach zwei gemeinsamen Jahrzehnten Ehe ins Grab nach.

 

Wer war Jost Bürgi wirklich?

Nun sagt ja die Länge eines irdischen Daseins nicht auch gleich etwas über seine Qualität aus, das heisst über Lebensfreude, Lebensumstände, Schicksalsschläge, Krankheit, Zufriedenheit und Glück. Ein Urteil darüber ist kaum möglich, denn hier zählt zunächst einmal die subjektiv empfundene Wahrnehmung des Erlebten. Es fällt

schwer, jemand so zu beschreiben, wie er wirklich war – versucht das ein anderer, so fehlen ihm wahrscheinlich zahlreiche nicht dokumentierte subjektive

Momente und Wahrnehmungen; und versucht man es mit sich selbst, so fehlt einem die Perspektive der Aussenstehenden und deren differenzierte und relativierende

Einordnung. Ich habe mir selbst für meinen kurzen Einleitungsvortrag am Symposium («Wer war dieser Jost Bürgi wirklich») eine solche Aufgabe gestellt und

versuche natürlich, sie mit dem Publikum bestmöglich zu lösen.

 

Kein Märchen

In Zeiten der Reformation und des technischen Aufbruchs entstehen neue Konstellationen. Orientiert man sich in den «Märchen» genannten Wunsch- und Schreckenserzählungen einer ehemals als Volksseele bezeichneten, vielfach nicht einmal schriftlich tradierten Kultur, so findet man für den kleinen Jost keine Rolle, in die er geschlüpft ist. Hätte es eine solche Erzählung gegeben, so hätten sie die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm sicher aufgeschrieben: sie sammelten ihre Märchen ja vor allem im Oberhessischen und damit in der Gegend von Kassel, wo unser Jost Bürgi drei Jahrzehnte gelebt hatte. Sie forschten im 18. Jahrhundert auch in französischen Quellen älteren, teilweise lateinischen Ursprungs, ohne dass sie eine mir bekannte, zu Jost Bürgis Leben passende Geschichte entdeckten. Hat es damit zu tun, dass diese Märchen alle aus Zeiten der Kaiser, Könige und Feudalherren stammten? Wahrscheinlich schon, denn Jost Bürgi hatte ein Leben, das sich als märchenhaft beschreiben lässt, und er war der Mann des Aufbruchs in die Neuzeit, in der wissenschaftliche Tatsachen kirchliche und aristokratische Traditionen in

Erklärungsnot brachten, reformierten und revolutionierten. So ist Bürgis Märchen nie geschrieben worden, aber kürzlich seine Biographie mit dem Anspruch,

eine märchenhaft verlaufene Lebensgeschichte der Frühen Neuzeit auf der Basis wissenschaftlicher Tatsachen vorzulegen – mittlerweile in vierter, wiederum mit

neuen Erkenntnissen und Umfang angereicherter Auflage.

 

Drei wichtige Orte und vier ungewöhnliche Berufe

Der Autodidakt Jost ist kein Märchenprinz, sondern ein Handwerker, der seine Fähigkeiten so weit entwickelt, bis er nicht mehr seine eigenen Fähigkeiten,

sondern die Begrenzungen seiner Arbeitsstelle oder seines Berufes und dessen Kenntnisse weiter entwickeln muss. Jost Bürgis neuzeitliche Biographie ist die Lebensgeschichte eines Uhrmachers, der aus einfachen Lichtensteiger Verhältnissen stammt; der nach seiner Toggenburger Kindheit sowie Berufsausbildung und der Walz jeweils ein Drittel seines Lebens als fürstlicher Hofuhrmacher im hessischen Kassel und als kaiserlicher Kammeruhrmacher im tschechisch-böhmischen Prag verbringt. Der seinen Beruf besser als die meisten Kollegen meisterlich beherrscht, aber nicht alleine Uhrmacher bleibt, sondern dessen Grenzen überschreitet und dabei auch in die Berufe eines Instrumentenbauers, Astronomen und Mathematikers vorstösst.

 

Beeindruckende Innovations- und Schaffenskraft

Aussergewöhnlich ist Jost Bürgis mathematisch-technische Intelligenz und Handwerkskunst, gepaart mit einer unglaublichen Innovations- und Schaffenskraft. Damit hinterlässt er nach heutiger Kenntnis mindestens sieben Werke, von denen jedes für sich den Anspruch auf eine die Wissenschaftsgeschichte prägende Leistung erfüllt. Man muss dazu sagen, dass ihm all das autodidaktisch gelang und er weniger als sechs Jahre eine Schule besucht hatte sowie dazu noch Legastheniker war und

über keinerlei Lateinkenntnisse verfügte.  

  

 

 

  

Bürgi-Mathematik ist Teil seiner Qualitätskette

Bürgi entwickelt und realisiert mit eigenen Messserien, mit selbst geschaffenen mathematischen Methoden und speziellen Instrumenten eine einzigartige

Qualitätskette der Astronomie. Damit strebt er eine höchstgenaue modellhafte Nachbildung der Himmelsmechanik in seinen Himmelsgloben an, was ihm besonders in seinem im Zürcher Nationalmuseum ausgestellten Himmelsglobus von 1594 gelingt. Diese Qualitätskette beginnt mit der Himmelsbeobachtung durch ihn selbst mit selbstgebautem Metallsextanten und selbstkonstruierter Sekundenuhr und erstreckt sich über die Entwicklung schnellerer Rechenmethoden zur Bestimmung der sphärischen Position bis hin zur Fertigung der Antriebssysteme und des Globus selbst mit 1026 auf die Bogenminute genau gravierten Sternpositionen. Zwei speziell dafür entwickelte Uhrwerke führen die Positionen der Wirklichkeit entsprechend nach. Und will der Kaiser den Sonnenstand und den Fixsternhimmel eines anderen Datums sehen, so ermöglichen von Bürgi dafür erfundene Rutschkupplungen eine bequeme Einstellung dieses Zeitpunktes, ohne dass der laufende Prozess gestört wird und ohne Nachjustierung sofort wieder zum Alltag zurückfindet. Das ist Bürgis angewandte Mathematik – Mittel zum Zweck; effiziente und einfache Methoden und Algorithmen wie Logarithmen und Sinus-Kunstweg zur Bewältigung einer konkreten und sonst in einem einzigen Berufsleben kaum lösbaren Aufgabe, wie die Erstellung seines eigenen, auf zehn Stellen genau in 2’’ Schrittweite erstellten Sinus-Tabellenwerkes «Canon Sinuum». Nur weil er all dies aufeinander abstimmt und integriert, erreichen seine Modelle diese unglaubliche Präzision von nicht einmal einer Sekunde Abweichung pro Tag – in einem Jahr beim Zürcher Himmelsglobus sind es gerade

einmal vier Minuten!

 

Im Gegensatz zu dem des Lateins mächtigen und fortlaufend publizierenden Galileo Galilei, zu seinem Freund Johannes Kepler und dem bis heute hoch überbewerteten Tycho Brahe, veröffentlicht Jost Bürgi seine der Mathematik gewidmeten Werke nicht, nutzt jedoch zusammen mit Johannes Kepler ihre Resultate. Den Gründen für diese Geheimhaltung gehe ich in einem speziellen Beitrag nach. Hier nur so viel: nicht nur im Märchen gibt es böse Mörder und Schurken, sondern auch am Kaiserhof in Prag! 

 

 

 

 

Wichtigstes Mathematikwerk erst seit 2016 bekannt

Im Gegensatz zu seinen mechanischen wissenschaftlichen Uhren und Himmelsgloben hält Jost Bürgi seine zahlreichen Mathematik-Erfindungen weitgehend im Verborgenen und veröffentlicht seine Logarithmentabellen erst ein Jahrzehnt nach Fertigstellung ohne jede mitgedruckte Erläuterung. Dermassen benutzerunfreundlich und noch andere Methoden geheim haltend, gerät Bürgis Mathematik in den Wirren des Dreissigjährigen Krieges und nach seinem Tod schnell in Vergessenheit. Seine Logarithmentafeln werden erst Mitte des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt und Bürgi seither mit dem Schotten John Napier als unabhängiger Co-Erfinder genannt. Sein

wichtigstes mathematisches Werk kommt in wesentlichen Teilen erst 2016 nach Auffindung seines 190-seitigen zwischen 1586 und 1592 verfassten Manuskriptes «Fundamentum Astronomiae» durch Menso Folkerts Entdeckung und Dieter Launerts kommentierte Edierung ans Tageslicht. Nun erst weiss man, dass Bürgi lange vor englischen Mathematikern die Differenzen-Rechnung und eine bisher unbekannte Kunstweg-Methode der algebraischen Sinusbestimmung entwickelt hatte, ebenso

völlig neuartige Methoden der Erstellung von Tabellenwerken. Weshalb er all dies so geheim hielt, ist eine Frage, der ich einen speziellen Blog widme.

 

Lange unbemerkte Nutzung in England

Alles spricht nach der Entdeckung eines weiteren Dokuments dafür, dass Henry Briggs Bürgis Kunstweg durch den britischen Mathematiker und Geheimdienstmann John Dee vertraulich in Erfahrung gebracht hatte und unter eigenen Namen nutzte – so dass vielerorts dort, wo Briggs draufsteht, auch Bürgi dabei ist. Das gilt, aber ebenfalls ohne jeglichen Plagiat-Vorwurf, auch für verschiedene Kepler-Resultate, mit dem Jost Bürgi am Kaiserhof in Prag neun Jahre eng zusammenarbeitet. Positiv zu werten ist bei dieser naheliegenden und nun weiter zu erforschenden englischen Kunstweg-Bifurkation, dass Bürgis Methoden der Differenzenrechnung und algebraischen Sinustabellierung durch Henry Briggs, Isaac Newton und Charles Babbage zum Einsatz kamen, während Bürgi sie auf dem Kontinent – zu Recht – sicher

verborgen glaubte. Mehr dazu vernimmt man am Bürgi-Symposium im ersten Referat, sowie detaillierte Erläuterungen in der rechtzeitig zum Symposium vorliegenden

Neuauflage der Bürgi-Biografie.

 

 

Zur Bildfolge: Jost Bürgis Kernkompetenzen des Uhrmachers für die astronomische Sekundenbestimmung, des Astronomen mit Mars-Positionsmessung und Berechnung, des Mathematik-Erfinders der Logarithmenrechnung und Konstrukteurs als Modellbauer des 4-D-Himmelsglobus, in dem alle vorangegangenen Ergebnisse integriert und dokumentiert sind.

Jost Bürgis Observatoriumsuhren

mit Kreuzschlaghemmung und automatischen Zwischenaufzug ermöglichen 1585

erstmals die Messung der Sekunde für die Horizontalvermessungsmethode. Mitentscheidend

für die Ganggenauigkeit sind auch seine Zahnradelemente. Erst sechs Jahrzehnte

später – also nach der Erfindung des Uhrenpendels – werden wieder so genaue

Uhren hergestellt.

Neues Rechenverfahren zur

schnelleren Positionsberechnung der Himmelskörper: Jost Bürgis

Logarithmentafeln. Erstellt 1588–1604 mit 59 Tabellenseiten, druckbereit 1609;

gedruckt 1620. Logarithmen prägen während 350 Jahren die Rechentechnik

entscheidend und «verdoppeln» gemäss dem französiscen Mathematiker Pierre Simon

La Place «die Lebenszeit der Astronomen».

Der Astronom Jost Bürgi verbringt zwischen 1582 und 1607 unzählige Nächte mit der  Himmelskörper-Positionsbestimmung. 1587 legt er mit Wilhelm und Rothmann in Kassel den ersten Sternkatalog der Neuzeit vor. Diese Blatt zeigt seine Protokollierung und  prosthaphäresische Berechnung des Planeten Mars vom 23. Dezember 1590. Alle anderen Marsblätter dürften während ihrer gemeinsamen Prager Zeit an Kepler gegangen sein, als dieser seine Bahnberechnungen durchführte und genauere als Brahes Daten

benötigte.

BÜRGIS ASTRONOMIE-ENDPRODUKT

HIMMESGLOBUS: Jost Bürgis uhrwerkgetriebener Himmelsglobus aus dem Jahre 1594 beruht auf eigenen astronomischen Messungen mit selbsterfundenen Sextanten und Sekundenuhr sowie auf der Berechnung mit eigenen Rechenmethoden (Logarithmen, Kunstweg, Sinustabelle). Unübertroffen ist auch die Genauigkeit der verschiedenen Ablesemöglichkeiten astronomischer Positionsinformationen mittels drei verschiedenen Koordinatensystemen für jedes Datum in der Vergangenheit und in der Zukunft. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum Zürich.


Kontakt

Jost Bürgi Initiative und Symposium

Fritz Staudacher, Publizist

Fahrgasse 12

9443 Widnau

staud1@bluewin.ch

0041 71 722 57 33

www.alprhein.ch

 

 

Jost Bürgi Stiftung

Dr. Hans Büchler, Stiftungspräsident

Büelstrasse 25

9630 Wattwil

hans.buechler@bluewin.ch

0041 71 988 35 85

 

 

Gemeinde Lichtensteig

Mathias Müller, Stadtpräsident

Loretostrasse 77

9620 Lichtensteig

mathias.mueller@lichtensteig.sg.ch

0041 58 228 23 99